Pöllauer Orgelpositiv nach 48 Jahren wieder daheim, ein kleines Osterwunder und fast ein Krimi – erzählt von Dr. Peter Sterzinger.

Als am diesjährigen 15. Mai im Zwinger des Pöllauer Schlosses eine große Holzkiste von einem Kunsttransport-LKW abgeladen wurde, ging eine schöne Geschichte nach Tagen nicht geringer Anspannung gut zu Ende. Und das kam so:

Wenige Tage vor dem Palmsonntag macht mich der Orgelbauer Ferdinand Salomon auf ein Gutachten über zwei in Deutschland verkäufliche Kleinorgeln aus Österreich aufmerksam. Eine davon – aus Pöllau! Ich sehe das Foto und erkenne das Instrument sofort wieder. Hatte ich doch als Student im Kleinen Freskensaal des Schlosses darauf gespielt und Fotos davon gemacht. Daheim beim Vergleich mit diesen alten Fotos besteht kein Zweifel mehr: Das ist das Orgelpositiv aus Pöllau – und mir ist in dem Augenblick klar: Falls es noch zu haben wäre, muss es zurück! Dazu kommt, dass es widmungsgemäß Pöllau nie verlassen hätte dürfen.

Das Gutachten, das mir dessen Verfasser aus Bonn sofort übermittelt, weist abgesehen von eindeutigen Fotos noch die Bestätigung der Pöllauer Provenienz durch zwei mir gut vertraute österreichische Experten aus und vermittelt die Kontaktdaten der Eigentümerin, die in Italien lebt und ihre väterliche Villa nahe Köln samt Inventar verkauft. Sofort schreibe ich sie an und bekomme Antwort: Ja, die Pöllauer Orgel ist noch zu haben. Aber – wir schreiben den letzten Tag vor den Osterferien – die Entscheidung muss bis Donnerstag nach Ostern fallen, dann wird die Villa den Schnäppchenjägern geöffnet… Mein Optimismus bekommt einen Dämpfer. Wie soll das in so kurzer Zeit gelingen?

Zwei Mails gehen hinaus, eines an den Pfarrer – die Pfarre war ja ursprüngliche Eigentümerin –, das andere an den Bürgermeister von Pöllau. Pfarrer Roger Ibounigg winkt aus finanziellen Gründen ab, kontaktiert aber das Diözesanmuseum, Bürgermeister Johann Schirnhofer ist auf Urlaub.

Es folgen Telefongespräche mit dem Bundesdenkmalamt und dem Diözesanmuseum, wo man gerne Geld dafür auftreiben möchte – aber das kostet Zeit, und jetzt in der Karwoche…

Zwar, wenn schon nicht Gemeinde, dann wenigstens Land Steiermark, aber andererseits: einmal Museum, immer Museum – es handelt sich ja um ein lebendiges Musikinstrument und kein bloßes Museumsstück. Mir wird immer bänger. Das Bundesdenkmalamt wäre bereit, allfälligen Restaurierungsaufwand zu entschädigen, aber man hätte kein Ankaufsbudget. Soll ich selber kaufen? Daheim in Wien stehen zwei Kleinorgeln und ein Flügel. Das reicht, und das barocke Kleinod gehört ins barocke Ambiente, also in den Kleinen Freskensaal zurück.

Keine Nachricht vom Bürgermeister. Ich werde nervös und verhandle mit der Verkäuferin wegen des knappen Termins und mache deutlich, dass ich unbedingt das schöne Instrument Pöllau wieder verschaffen möchte. Das gefällt ihr so gut, dass sie spontan den Preis um 25 Prozent senkt. Diese kluge und begeisterungsfähige Dame beginnt sich zudem für Pöllau zu interessieren. Ich schicke schöne Fotos von Pöllau, auch alte in schwarz-weiß von der Orgel aus 1965, worauf sie mir auch betreffend Termin entgegenkommen möchte. Kurze Entspannung also.

Kaum sind die Feiertage vorbei, geht alles sehr schnell: Bürgermeister Schirnhofer, zurück vom Osterurlaub, ruft sofort am ersten Arbeitstag an und versichert mir, dass er die Sache so sieht wie ich („…irgendwie muss das gehen…“), aber natürlich in der Gemeinde die erforderlichen Formalitäten und Beschlüsse stattfinden müssten. Nur zwei Tage später, am 6. April, ein Zweizeiler: einstimmiger Gemeinderatsbeschluss: Wir kaufen! Großzügig unterstützt wird die Heimholung des Kleinods von der Privatstiftung Sparkasse Pöllau mit € 5.000,-.

Tags darauf ein Anruf, bei dem mir der Bürgermeister die Kaufabsicht bestätigt und mich um ein Gespräch in Pöllau bittet. Dieses findet wenige Tage später gemeinsam mit Amtsleiter Mag. Herbert  Gamauf statt, Transport und -kosten werden besprochen und organisiert, ein Vertrag wird vorbereitet.

Endlich wieder daheim

Zwei Arbeiter schieben den großen Transportkasten behutsam auf Rollen durch den Regen zum Aufzug des Schlosses Pöllau. Dort wird der Kasten zerlegt und das liebe Wunder sichtbar. Zwei kräftige Gemeindebedienstete übernehmen, über verschlungene Wege gelangt die Orgel in den Kleinen Freskensaal. Mitgekommen ist der Tisch mit eingebautem Gebläsemotor. Ein kurzer Test: Alles funktioniert.

Ach ja, der Tisch: Den hat vor mehr als 50 Jahren der Pöllauer Reinhold Ebner getischlert. Seine Rührung über die Rückkehr kann er kaum verbergen, als ich ihm berichte.

Der Bürgermeister kommt und möchte beim Einbau der rund 160 Orgelpfeifen dabei sein, aber wegen Prüfungen ist der Saal erst am Abend verfügbar. Erst sehr spät bin ich daher mit dem Einbau fertig, die Orgel erklingt zum ersten Mal wieder – vor zwei begeisterten Zuhörern: dem Bürgermeister und FranzZangl, der fotografiert hat. Und bei einer Flasche Wein darf ich diesen Tag mit dem Bürgermeister still feiern und ausklingen lassen – Mitternacht ist längst vorbei.

Einsatzbereit

Jetzt ist die Jugend dran in der Musikschule, das Orgelpositiv ist ein vollwertiges Instrument, nicht bloß schönes Möbelstück. Es soll im Unterricht, aber auch beispielsweise bei den Tagen der Alten Musik zum Einsatz kommen. Viel Freude damit möchte ich allen Pöllauerinnen  und Pöllauern wünschen! Mein Dank gilt der Gemeinde, der noblen Verkäuferin, dem Bundesdenkmalamt, dem Diözesanmuseum (Zitat: „Es ist wohl gescheiter, das Instrument in Pöllau zu haben…“) und allen, die sonst mitgeholfen haben. Dazu zählen auch die Zufälle…

 

Zeitreise
Orgelpositiv/Prozessionsorgel aus ca. 1746 im Besitz des Stiftes bzw. der Pfarre Pöllau, zeitweise in der Kalvarienbergkirche
ab 1964: durch Schenkung in Pöllauer Privatbesitz; Anfertigung eines Tischchens durch Reinhold Ebner; Restaurierung und Einbau eines elektrischen Gebläses unter dieses Tischchen; Aufstellung im Kleinen Freskensaal
1970: Verkauf nach Deutschland (ohne Ausfuhrgenehmigung des Bundesdenkmalamtes)
2018: in Bergisch Gladbach zum Verkauf ausgeschrieben; Kauf durch die Marktgemeinde Pöllau; 15. Mai 2018 Lieferung und Aufstellung im Kleinen Freskensaal

 

Details zum Instrument
Erbauer: wahrscheinlich Veit Wurzer, evt. auch Cyriak Werner. Beide Namen finden sich im Bereich des Balges.
Tonumfang: C – c´´´, kurze Bassoktav, 45 Tasten
4 Register:Copl 4´, Holz, original;Prinzipal 2´ C und D Holz original, sonst Metall neu; Quinte  2/3´, 11/3, Metall neu; Oktav 1´, Metall neu
Original sind: 47 Holzpfeifen, Windlade, Mechanik, Klaviatur, Pfeifenstöcke, Rasterbretter, Gehäuse.
Der Balg kann auch händisch bedient werden, derzeit fehlt dafür ein entsprechendes Ventil.
Stimmtonhöhe: 448 Hz bei 18°C
Die weiße Fassung des Gehäuses samt goldfarbenen Verzierungen ist nicht original.
An der rechten Innenwand steht mit Bleistift „Pöllau“ in alten lat. Schriftzügen und „Vinzenz“ in Kurrentschrift. Rest bisher unentzifferbar.

 

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